Gemeinschaftlich gegen die Wegwerfkultur:
Repair Cafés und Co.

Tv im Wald entsorgt
Auf lange Sicht kommt die Wegwerfkultur uns teuer zu stehen.
Zeit, sich dagegen zu wehren. Hilfe gibt es genug. (Foto: © fotolia.com - Bomix.)

Zwei Millionen Tonnen. So groß ist die Menge an Elektroschrott, die allein in Deutschland alljährlich anfällt. Die Zahl wird nicht weniger abstrakt, wenn man sie in etwas Bekannteres umrechnet: Zwei Millionen VW Polo? Unvorstellbar. Vielleicht so: Zwei Millionen Tonnen entsprechen dem Gewicht von 20 Flugzeugträgern. Vieles entfällt zwar auf Elektrokabel und „Großschrott“. Aber ein veritabler Teil ist alltägliche Haushaltselektronik zwischen Handy und Gefrierkombination. Doch warum wird heute so vieles entsorgt? Dieser Frage geht unser Ratgeber ebenso nach, wie er zeigt, wie man es anders machen kann.




1. Eine kritische Melange

kaum Ersatzteilbevorratung im Billigseqment
Vor allem in unteren Preissegmenten findet kaum noch eine nennenswerte
Ersatzteilbevorratung statt. Was angeliefert wird, wird direkt verbraucht.
(Foto: © fotolia.com - servickuz)

Viele Zutaten in einer Schüssel, das nennt der Küchenchef Melange. Ganz ähnlich sieht es auch bei den Gründen hinter unseren Elektromüllbergen aus. Hier treffen viele Faktoren aufeinander und vermischen sich zu einem kritischen Problem:
  • In der Elektronik sind die Entwicklungszyklen extrem kurz, liegen teilweise im Bereich nur weniger Monate; es wird also ein starker Erneuerungsdrang beim Kunden erzeugt.
  • Viele Elektroprodukte werden mit proprietären Teilen in einem Just-in-Time-Prinzip gefertigt. Ersatzteilbevorratung findet oftmals, abseits echter Verschleißteile, kaum noch statt.
  • Manche Hersteller konstruieren willentlich so, dass Produkte kaum beschädigungsfrei zerlegt werden können – etwa durch Verkleben, spezielle Schrauben, zu kurze Kabel oder Sollbruchstellen
Dazu kommt, dass selbst auf einer simplen Leiterplatine viele Bauteile befestigt sind, die bei Schäden zunächst alle als Verursacher infrage kommen – und je aufwendiger das Gerät, desto mehr solcher Bauteile. Dank der Massenfertigung werden selbst hochkomplexe Geräte vergleichsweise günstig. Eine Reparatur hingegen ist meist zeitaufwendig, verlangt das notwendige Know-How und ist vergleichsweise teuer. So wird das Reparieren in vielen Fällen zur schlechteren Alternative – zumindest auf den ersten Blick. Denn das Thema Nachhaltigkeit bleibt bei dieser Rechnung außen vor.

Auch das ist ein Negativaspekt der weltweiten „Elektronifizierung“, durch welche die Warenpreise seither stark verfielen, aber gleichzeitig die Reparaturkosten stiegen. Wenn der Elektrodiscounter 500 Euro für einen neuen Kühlschrank aufruft, wo die Reparatur des alten 470 kosten würde, ist für viele der nächste Schritt klar.
Obschon hierzulande versucht wird, die wiederverwertbaren Rohstoffe den Müllbergen zu entziehen, sieht es doch so aus, dass es ein gigantisches Negativsummenspiel ist. Nur ein Bruchteil wird wirklich sortenrein getrennt, sodass es recycelt werden kann. Das verknappt nicht nur die sowieso schwindenden Ressourcen, sondern kostet auch unnötig Energie – und sehr viel Elektroschrott wird auch einfach in andere Kontinente verschifft.

Leider, so muss man sagen, kommen vonseiten der Industrie und der Politik kaum Impulse, um diesen Zustand zu ändern. Allerdings existieren aus der anderen Richtung mehrere Ansätze. Eine echte Graswurzelbewegung, die sich nicht damit abgeben möchte, dass hochwertige Produkte wegen kleiner Beschädigungen weggeworfen werden. Und das, was dort erdacht und angeboten wird, steht uns allen zur Verfügung.


1. iFixit

Reparatur eines Handys
iFixit fokussiert sich zwar auf „Consumer Electronics“.
Dafür finden aber auch Laien hier einfach abzuarbeitende Schritt-für-Schritt-Anleitungen.
(Foto: © fotolia.com - Glevalex.)

"Repair ist Noble“ – Reparieren ist edel. Das ist das Motto einer Community, die schon in ihrer Bezeichnung nicht nur das „Digitalisierungs-i“ aufgreift, sondern auch den Spruch „I fix it“ – ich reparier’s“. Zwar steht dahinter ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Doch alles, was auf dem Portal iFixit gezeigt wird, unterliegt der gleichen Creative-Commons-Lizenz, wie es beispielsweise auch Wikipedia tut – und iFixit arbeitet zudem mit Greenpeace und dem Fraunhofer-Institut zusammen. Bei letzterem mit dem Ziel, eine Recycling-Datenbank zu erschaffen.

Kernkompetenz sind jedoch kostenlose Reparaturanleitungen für jedermann – die Finanzierung erfolgt über den Verkauf von Elektronik-Spezialwerkzeug. Und wie die Wiki-Online-Enzyklopädie ist auch das „User für User“-Prinzip von iFixit Programm. Denn hier finden sich Reparaturanleitungen und Handbücher für unzählige Einzelgeräte. Allerdings vornehmlich im Bereich von Computern sowie Unterhaltungselektronik – quasi der Markenkern.

Als User hat man die Möglichkeit, nicht nur sein Gerät aus einer aktuell über 11.000 Stück starken Liste herauszusuchen, sondern häufig auch noch Anleitungen für unterschiedliche Probleme zu finden – beispielsweise „Displaytausch beim Galaxy S5“ oder „Umblättern-Taste beim Kindle 3“. Alle Anleitungen funktionieren nach dem gleichen Schema: Eingangs wird beschrieben, wie hoch der Schwierigkeitsgrad ist, wie viele Schritte zu tun sind und wie lange die Reparatur oder der Eingriff dauern wird. Zusammen mit einer Liste an benötigten Werkzeugen kann nun jeder anhand der bebilderten Anleitung sein Gerät reparieren. Da jeder Schritt beschrieben wird, ist das durchaus auch für Laien zu handhaben.


2. Repair Cafés

Hilfe zur Selbsthilfe
Das Prinzip der Repair Cafés lässt sich am besten mit
„Hilfe zur Selbsthilfe“ umschreiben: Experten helfen einem dabei,
selbst seine schadhaften Sachen zu flicken
(Foto: © fotolia.com - auremar)

Heutzutage findet sich zwar wahrscheinlich für jedes Gerät irgendwo eine Reparaturanleitung im Netz. Das Problem liegt jedoch daran, dass eben nicht jeder Nutzer Werkzeuge oder Fähigkeiten besitzt, den Fehlerteufel ohne persönliche Hilfe zu lokalisieren und zu beseitigen. Selbst die beste iFixit-Anleitung nützt wenig, wenn mittendrin etwas schiefgeht, worauf die Anleitung keine Antwort weiß.

Und dann gibt es noch ein weiteres Problem: Die Welt ist voller Experten. Dies können Elektroniker im Ruhestand sein, jugendliche Computernerds oder einfach nur autodidaktischen Universaltalente. So groß, wie das Internet heute ist, verhallen ihre Hilfestellungen oft ungehört – und manche haben auch schlichtweg keine Lust, ihr Wissen unpersönlich online weiterzugeben.

An diesem Punkt trat 2009 die Journalistin Martine Postma ins Rampenlicht der Elektroschrott-Bühne. Sie ärgerte es nicht nur, dass so viel weggeworfen wird, sondern dass so viel weggeworfen wird, obwohl es einige gibt, die nicht nur das notwendige Reparaturwissen besitzen, sondern es auch gerne weitervermitteln würden. In Amsterdam gründete sie ein Repair Café. Das Grundprinzip dahinter: Ein Raum als Austauschplattform sowohl für Leute, die Probleme haben, wie für solche, die das Wissen mitbringen, um die Reparatur durchzuführen. Und die Anleitung, wie man ein solches Café aufbaut, stellte Martine Postma ebenfalls ins Netz.

Alter Stereorecorder mit Kassettendeck
Repair Cafés sind oft auch der einzige Ort, an dem man noch Experten
für Geräte findet, sie seit Jahrzehnten aus den Verkaufsregalen verschwunden sind.
(Foto: © fotolia.com - jakkapan.)

Heute, knapp zehn Jahre und viele tausend „Filialen“ später, kann man sagen, das System hat sich vollumfänglich bewährt. Die Cafés bieten nicht nur den zentralen Ort, sondern meistens auch einen umfangreichen Pool an Werkzeugen. Wer ein Problem hat, begibt sich mit dem Gerät dorthin und findet sehr wahrscheinlich schlaue Köpfe, die weiterhelfen.
Allerdings: Repair Cafés sind keine Reparaturunternehmen. Man bekommt gezeigt, wie es geht. Hat jemanden, der einem über die Schulter schaut und bei kniffligen Dingen auch selbst eingreift. Aber „abgeben und glücklich sein“ gibt es hier nicht – dafür aber in den meisten Cafés auch Hilfe, die weit über Computer und Elektronik hinausgeht: Gerade wer alte Geräte besitzt, auf deren Probleme selbst Profi-Handwerker heute keine Antwort mehr haben, findet hier oftmals die letzte Rettung für Opas alten Plattenspieler oder Papas 70er-Jahre Stereoanlage.


3. Selbstschutz für Verbraucher

Oft keine Ersatzteile bei Billigware
Geiz ist nicht immer geil. Denn nur bei Markenherstellern
gibt es noch eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, auch nach Jahren noch Ersatzteile leicht zu finden
(Foto: © fotolia.com - Gorodenkoff)


Via iFixit und die Repair Cafés kann man für wenig mehr als die Ersatzteilkosten seine schadhaften Geräte flottmachen – dadurch kippt das Rechenspiel von der teuren Reparatur und der günstigen Neuanschaffung. Doch man kann als Verbraucher auch viel dazu beitragen, dass das Problem an der Wurzel ergriffen wird:
  • Beim Neukauf konsequent nach der Maxime „Klasse statt Masse“ vorgehen. Das bedeutet, nicht nur nach dem günstigsten Angebot schauen, sondern auf bekannte Markenhersteller setzen. Deren Geräte sind nicht immer nur wegen des Namens teurer, sondern weil hier a) in der Regel hochwertigere Teile verbaut werden und vor allem b) echte Ersatzteilbevorratung stattfindet. Für eine 50-Euro-Mikrowelle wird man kaum in einem Jahr noch Ersatzteile bekommen – für ein 200-Euro-Markenprodukt jedoch mit ziemlicher Sicherheit.
  • Vor dem Kauf etwas Zeit nehmen und die Modellnummern verschiedener infrage kommender Modelle bei Ersatzteile-24 abgleichen. So ist sichergestellt, dass man ein Produkt erwirbt, für das wir auch Ersatzteile vorrätig haben.
  • Nicht nur blind der Werbung glauben – die zielt nur darauf ab, dass man Neuwaren erwirbt. Bei genauerer Betrachtung liefern neue Geräte zwar Mehrleistung, die aber bietet einem als Verbraucher kaum Mehrwert: Was nützt das doppelt so schnelle Neu-Handy, wenn man damit sowieso nur auf Facebook surft und Nachrichten liest?
  • Nach Möglichkeit Geräte aus einer Modellreihe kaufen, die schon etwas länger auf dem Markt ist. Denn nicht nur bei Autos gilt, was ganz frisch in die Läden kommt, steckt häufig noch voller „Kinderkrankheiten“.
Übrigens, es nützt definitiv, sich folgende Maxime zu verinnerlichen: „Wer billig kauft, kauft zweimal“. Das bedeutet, billige (nicht günstige) Geräte kommen einen über einen bestimmten Zeitraum immer teurer – weil man sie häufiger reparieren oder gleich ganz ersetzen muss. Und vielleicht sollten alle, die sich die Reparatur – selbst mit fachkundiger Anleitung – nicht zutrauen, folgendes bedenken: Selbst das komplexeste Gerät wurde immer noch von Menschen erdacht und oft auch zusammengebaut.

„Dieser Artikel dient lediglich als Wegweiser unter Haftungsausschluss bei Fehlauskunft und/oder Unvollständigkeit.“
 
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